Rede des Ersten Bürgermeisters zum Volkstrauertag, 16.11.2014, Kriegerdenkmal Olching

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr verehrter Herr Diakon Baldes,

sehr verehrter Herr Pfarrer Sauer,

Herr Arndt,

Herr Feller,

verehrte Mitglieder des Stadtrats,

liebe Freunde aus Tirol,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

immer zwei Sonntage vor dem Ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt, deren wir gedenken wollen. Zugleich ist er ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir - ganz persönlich, aber auch als reiches Land in einem freien und friedlichen Europa -  für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können. Aus diesem Grund haben wir uns heute hier am Kriegerdenkmal eingefunden. Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind.

 

Aus aktuellem Anlass möchte ich in meiner diesjährigen Rede an ein besonderes Ereignis aus unserer jüngeren Geschichte erinnern: den Mauerfall. Die Mauer war mehr als 28 Jahre lang ein Zeichen der Unterdrückung, der Gefangenschaft, des Überwachungsstaates und eine ständige, implizite Androhung von Gewalt. Der Mauerfall vor 25 Jahren hingegen symbolisiert Frieden, das Zusammenwachsen der Völker und die Bereitschaft der Bevölkerung ein Land wieder gemeinsam und vor allem friedlich zu vereinen.

100fach begegneten uns in den letzten Tagen die Bilder der Maueröffnung am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße, an dem die Berliner Mauer als erstes geöffnet wurde. Die ersten 1.000 Reisewilligen, die sich an der Grenzübergangsstelle versammelt hatten, durften dort in den Westen ausreisen. Ein unvergesslicher Moment in unserer Geschichte, an den sich alle, die damals bereits alt genug waren, ihr Leben lang erinnern werden. Es sind diese Momente in unserer Geschichte, die uns Hoffnung geben und auf die wir stolz sein können.

 

Bei einem meiner Berlinbesuche habe ich auch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, die ehemalige Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der DDR, besichtigt. Es hat mich tief beeindruckt, dass ehemalige Insassen Führungen anbieten, obwohl viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter immer noch dort in der direkten Umgebung wohnen und sie sich so zwangsläufig ab und zu über den Weg laufen. Der Zeitzeuge, der uns führte, erzählte, dass er einem seiner früheren Wächter regelmäßig begegne, weil dieser dort mit seinem Hund täglich Gassi gehe. Daran können wir uns alle ein Beispiel nehmen: An Menschen, die Kränkungen und Gewalt überwinden konnten und Versöhnung somit tatsächlich leben.

 

Aber auch weniger weit zurückliegende Ereignisse führen uns vor Augen, dass ein friedliches Miteinander keineswegs selbstverständlich ist. Der Krieg der Kurden gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat findet unmittelbar vor den Toren Europas statt. Nur ein kleiner, aber bedeutender Zaun steht zwischen uns und dem Terror dort drüben. Kurz vor der eingenommenen Stadt Kobanê haben sich türkische Panzer auf der anderen Seite der Grenze positioniert und so schaut Europa machtlos zu.

 

Neben der offensichtlichen Gewalt gibt es noch viele weitere Schrecken der Kriege. Drei Millionen syrische Flüchtlinge sind auf der Suche nach einer sicheren Herberge in Nachbarstaaten geflohen. Die Flüchtlingslager sind mit zum Teil 120.000 Personen und mehr vollkommen überfüllt, so dass es an den essentiellsten Dingen wie beispielsweise einer Feuerwehr fehlt. Erst im August sind bei einem Brand in einem Lager 80 % der Flüchtlingszelte vernichtet worden. Insofern war es sehr erfreulich, dass wir immerhin einen kleinen Beitrag leisten und das ausgemusterte Löschfahrzeug der Feuerwehr Geiselbullach schlussendlich doch noch der humanitären Hilfe „Orienthelfer e.V." für das Krisengebiet zukommen lassen konnten.

 

Die Vereinten Nationen sprechen inzwischen von der größten Flüchtlingskatastrophe des 21. Jahrhundert. Auch für die Nachbarstaaten wie beispielsweise Jordanien und den Libanon bedeutet dieser Bürgerkrieg eine große Belastung. 1,1 Millionen Menschen hat der kleine Libanon bislang offiziell aufgenommen, das sind 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen. Im Vergleich dazu erscheint die Ziffer der Asylbewerberinnen und Bewerber, die momentan nach Bayern kommen, geradezu unbedeutend. Umso mehr sollten wir uns alle Mühe geben diese Menschen hier willkommen zu heißen und bestmöglich zu unterstützen.

 

Auch die kürzlichen Ereignisse in der Ukraine führen uns vor Augen, dass der Frieden zerbrechlich und Krieg noch in zu vielen Teilen der Welt heute trauriger Alltag ist. Selbst die Anfang September vereinbarte Waffenruhe ist brüchig geworden und hat nicht zu der gewünschten Deeskalation geführt. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Krise bald wieder beruhigt und nicht noch viele weitere unnötige Opfer fordert.

 

Nicht zuletzt wollen wir der lokalen Kriegsereignisse der Vergangenheit gedenken. Am 22. Februar 2014 jährte sich der Bombenangriff der Alliierten auf Olching zum 70. Mal. 22 Menschen ließen damals ihr Leben, darunter auch zwei von den ca. 1.000 in und um Olching beschäftigten Zwangsarbeitern. An dem Ort, an dem wir heute stehen, brach der Krieg direkt in das Leben der Menschen in unserer Stadt ein. Diese Olchinger, wie auch alle anderen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Gewalt, Krieg und Terror zum Opfer gefallen sind, ehren wir heute mit unserem Andenken. Wir werden sie nicht vergessen!

 

Wir dürfen nicht vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Insofern sind wir alle aufgefordert unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlichen Weltanschauungen entscheidend. Im Kleinen wie im Großen.

 

Das wollen wir uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen.

 

In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.

 

+++

 

Ich danke Ihnen für Ihr aktives Mitwirken. Ich danke allen, die am heutigen Tag dieser Zeremonie beigewohnt haben - ein besonderer Dank unseren Fahnenabordnungen für die Teilnahme und natürlich auch, dass unsere Freunde aus Tirol am heutigen Tage wieder bei uns sind - und erkläre die Feierstunde für beendet.

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