Rede zum Neujahrsempfang am 24.01.2014

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

verehrte Gäste,

 

„Das neue Jahr ist angekommen.
Haben wir uns vorgenommen,
Euch zu wünschen in der Zeit
Glück und Fried und Einigkeit.
Soviel Tröpflein in dem Regen,
Soviel Glück und soviel Segen
Soll Euch Gott der Höchste, geben.
Glückseliges neus Jahr!

Zwischen dem Alten
zwischen dem Neuen,
hier uns zu freuen,
schenkt uns das Glück.
Und das Vergangene
heißt mit Vertrauen
vorwärts zu schauen,
schaun zurück."

 

Mit diesen Worten von Johann Wolfgang von Goethe möchte ich Ihnen und Ihren Familien sowohl persönlich als auch im Namen des gesamten Olchinger Stadtrats alles Gute wünschen - vor allem Gesundheit, Erfolg und persönliches Glück.

 

Für unsere Stadt Olching wünsche ich mir, dass sie weiter geradlinig voranschreitet, wo es voranzuschreiten gilt, dass sie Vergangenes bewahrt, wo es etwas zu bewahren gibt, Traditionen lebt und Neues wagt, und ganz sie selbst bleibt. Mit einem starken Charakter an der richtigen Stelle, vielfältigen Gesichtern und viel Charme.

 

Wenn man jemanden wünscht, sich selbst treu zu bleiben: „Bleib so, wie du bist!" dann ist das für den, der es sagt eigentlich einfach zu beschreiben, was er damit meint. Jeder von uns hat von seinem Gegenüber oder in diesem Fall von unserer Heimatstadt in der Regel ein klares, aber sehr subjektives Bild vor Augen. Man weiß ziemlich genau, was man am anderen schätzt und was ihn eben besonders macht, ihn ausmacht.

 

Für denjenigen, der mit diesen guten Worten bedacht wird, ist es manchmal gar nicht so leicht, einfach so zu bleiben, wie man ist.

 

Wie ist man denn eigentlich? Selbst fallen einem doch oft tausend Dinge ein, die man an sich ändern könnte, sollte oder gar müsste - besonders zur Jahreswende haben zumindest die meisten gute Vorsätze etwas zu ändern. Ich übrigens habe mir einen ganz persönlichen Vorsatz vorgenommen zum Espresso-Genießer zu werden. Für jemanden, der bisher nur einmal aus purer Höflichkeit eine Tasse Kaffee getrunken hat, durchaus anspruchsvoll.

Nun aber im Ernst: Was also meint der Gegenüber mit „Bleib so, wie du bist"? Für eine Stadt wie Olching gilt das auch. Was meinen die Menschen, die hier leben, was soll bleiben, was nicht?

 

Ich lebe seit meiner Geburt in dieser Stadt und aus vielen Gesprächen mit Familie, Freunden und Bürgerinnen und Bürgern konnte ich feststellen, dass die Dinge, die gefallen, die bleiben sollen, sehr vielfältig sind, aber eben auch sehr subjektiv und unterschiedlich. Genauso der Wunsch, welche Sachen verändert werden sollen.

 

Für Stadtrat und Bürgermeister, die das Mandat und die Aufgabe haben in einer Stadt das Gute zu bewahren und das nicht ganz so Gute besser zu machen, nicht immer eine leichte Aufgabe. Es hängt eben viel vom Auge des jeweiligen Betrachters ab!

 

Um zu wissen, wie man so bleibt, wie man ist, muss man aus meiner Sicht erst einmal wissen, wer man ist.  

 

In Zeiten des aktuellen Zensus, also der Bevölkerungszählung, wüssten die Städte und Gemeinden Deutschlands eigentlich zunächst gerne, wie viele sie jeweils sind, also wie viele Einwohner sie haben. Frei nach Richard David Prechts Bestseller: „Wer sind wir und wenn ja, wie viele?"

 

Die Frage ist durchaus berechtigt. So hat der Zensus der Stadt Olching rund 313 Mitbürgerinnen und Mitbürger über statistische Berechnung schlicht gestrichen, aber nicht gesagt, wen das städtische Meldeamt nun aus der Kartei streichen soll. Seien Sie sich also nicht sicher, ob Sie und ich nach dem Zensus aktuell überhaupt noch Mitbürgerinnen und Mitbürger dieser schönen Stadt sind.

 

Nachdem wir aber bekanntlich Statistiken, die wir nicht selbst gefälscht haben, nein ich spiele nicht auf den ADAC an, keinen Glauben schenken, bleibe ich bei den Zahlen aus unserem Meldeamt, sie können also aufatmen, falls Sie in Olching gemeldet sind, bleiben Sie auch Olchingerin oder Olchinger. Zensus hin oder her. Die Stadt hat derzeit 26.501 Einwohnerinnen und Einwohner aus 107 Nationen.

 

Diese Frage wäre also beantwortet. Nun zur zweiten Frage: „Wer sind wir?"

Wir sind gottlob nicht die Olchis, wie eine bekannte Kinderbuchserie heißt und dem geneigten Leser wegen der Namensverwandtschaft den Eindruck vermitteln könnte, Olchinger sind eben die Olchis. Ein weiteres Indiz dafür könnte dabei sein, dass die Olchis direkt an einer Müllkippe leben. Wir bei einer Müllverbrennung. Dann sind die Gemeinsamkeiten aber Gott sei Dank schon erschöpft. Die Olchis sind klein und grün, haben auf dem Kopf drei Hörner und eine große Nase. Sie essen Schuhsohlen und Schrauben, trinken Fahrradöl, baden im Schlamm und können Ordnung nicht ausstehen.

 

Wir sind also nicht die Olchis! Bleiben wir beim Begriff die Olchinger - wobei wir auch - und da sind wir wieder bei den Traditionen - durchaus auch Estinger, Neu-Estinger, Graßlfinger, Geiselbullacher und neuerdings auch Schwaigfelder seien können. Wir leben gemeinsam in einer jungen Stadt, nein, eigentlich sind wir gemeinsam die Stadt. Alle zusammen, ob alt oder jung, Ureinwohner oder Zugroaßter, Mensch mit oder ohne Behinderung, Ausländer, Flüchtling oder Asylsuchender. „Gemeinsam Stadt sein", lautete daher auch völlig zu Recht der Titel zur Stadterhebungsfeier im Jahr 2011.

----

Was ist im Vorfeld zu dieser Stadtwerdung diskutiert worden. Bringt es was, schadet es uns gar? Die Antwort können wir, so meine ich, nun, knapp drei Jahre später, geben. Es hat uns nicht geschadet. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck gewonnen, dass etwas durchaus Wichtiges passiert ist: Das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den vor der Gebietsreform 1978 eigenständigen Gemeinden ist durch das gemeinsam Stadt sein gestärkt worden. Eine gemeinschaftliche Identität bildet sich heraus. Man ist eben ein Stückerl näher zusammengerückt, ohne die Wurzeln und Traditionen in den jeweiligen Stadtteilen aufzugeben. Dafür sorgen nicht zuletzt die vielen Vereine in unserer Stadt auf beiden Seiten der Amper.     

 

Wir sind also eine junge Stadt mit Geschichte. Wir sind städtisch und gleichsam ländlich. Durch die Stadt ziehen sich Amper und Wälder wie ein grün-blaues Band. Die Bahnlinie wie ein eher graues, zeitweise lautes Band. Wir sind eine Stadt, in der man nach zehn Minuten mit dem Fahrrad in der Landgaststätte mit einem kühlen Weißbier sitzen kann, genauso wie man in 20 Minuten mit der S-Bahn alle Vorzüge einer Weltstadt genießen kann. Wir sind eine Stadt mit modernen Kinderbetreuungseinrichtungen und Bildungsstätten, mit Pflegeheimen und betreuten Wohnformen. Die Stadt ist eine Motorsporthochburg, ein Faschingsmekka, sie beherrscht die leisen Töne, wie die lauten, die grellen und die gedeckten Farben.   

 

Noch vieles mehr könnte ich aufzählen - könnten Sie hier im Saal aufzählen. Es ist schon eine bemerkenswerte Vielfalt, die wir leben, die Olching zu dem macht, was es ist.

Vielleicht denken Sie auch kurz darüber nach, was für Sie ganz persönlich Olching ausmacht, warum Sie hier leben und nicht woanders? Vielleicht können Sie die Frage für sich beantworten: „Wer sind wir?"

 

Am Ende meiner Rede werde ich nochmals darauf zurückzukommen.

 

Ohne Frage macht aber eine Stadt ganz maßgeblich die Menschen aus, die in ihr Leben. Vor allem die, die sich besonders engagieren. Deshalb sind Sie heute Abend hier. Sie alle haben maßgeblichen Anteil an dem Wohl und Wehe unserer Stadt. Es ist schön und es ist gut, dass es Sie gibt.

Vielen Dank an dieser Stelle für Ihre ehrenamtliche Arbeit, deren Wichtigkeit man eigentlich nicht betonen müsste, es dennoch immer wieder machen sollte. Es wäre schön, wenn es noch mehr Mitbürgerinnen und Mitbürger gäbe, die sich so intensiv und lange, teils ein ganzes Leben lang, für die Vereinsarbeit einsetzten.

 

Und es wäre schön, wenn man als Engagierter, wie Sie als Vorsitzende, auch noch mehr positiven Zuspruch bekäme und nicht nur die Kritik, wenn einmal im Verein, dem ein oder anderen, das ein oder andere nicht passt. Ehrenamt, kommt nun mal von Ehre und ich verstehe es nicht so, dass damit gemeint sein soll, dass es eine Ehre ist, dass man ein solches verantwortungsvolles Amt innehaben darf, sondern, dass einem Ehre zu teil werden sollte, weil man eben unentgeltlich, in seiner Freizeit und dennoch mit vollem Einsatz ein solches Amt ausfüllt.

 

Als Bayer - und als bayerischer Bürgermeister erst recht - ist man stolz auf sein Land, seine Geschichte und einfach, dass man auch einer ist, ein Bayer. Meist zu Recht. Eines, aber finde ich sehr schade, dass es eine bayerische Redensart gibt, die wir alle zusammen doch zu oft beherzigen, nämlich: „Ned g´schimpft, is´ g´lobt gnua!" 

Heute Abend wollen wir diese bayerische Tradition gerne brechen und Ihnen allen ein herzliches „Vergelt´s Gott" sagen, für das was Sie, jede und jeder an seinem Platz, für diese unsere Stadt, unsere Gemeinschaft leisten.

-----

„Weida mitanand", war der Titel eines bewegenden Songs zugunsten der Hochwasseropfer in Bayern. Claudia Koreck und andere bekannte Sänger haben diesen Song den Hunderttausenden von Betroffenen dieser Katastrophe gewidmet.

„I woas jetzt wer i bin
i woas jetzt wer i war
i woas jetzt wer mia san
un auf einma is ois klar
A bisl mehr von mir, a bisl mehr von dir."

 

Die Strophe passt nicht nur zu der Frage, wer wir sind, sondern beschreibt etwas, was ich bei meinen vielen Gesprächen in den Tagen und Nächten bei den Betroffenen an der Starzel erleben durfte. Mehr von mir, mehr von dir!

Nachbarn, die sich seit Jahren höchstens gegrüßt haben, waren gemeinsam in den teils völlig verwüsteten Kellern gestanden und haben versucht zu retten, was zu retten ging. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl ist dabei wie selbstverständlich entstanden. Ein Mitanand.

 

Ein herzliches Dankeschön den vielen Helferinnen und Helfern. Namentlich möchte ich einige unsere Landwirte nennen, Herrn Ludwig Grandl, Herrn Andreas Hatzl, Herrn Josef Neumaier, Herrn Johannes Stürzer und Herrn Lorenz Widmann, die kostenlos Pumpen, Anhänger und Zugfahrzeuge bereitgestellt haben, um die Stadt und die Betroffenen zu unterstützen.

 

An dieser Stelle möchte ich kurz vom üblichen Protokoll abweichen und Herrn Hatzl und Herrn Neumaier zu mir bitten. Da beide Herren bei der gesonderten Ehrung nicht anwesend sein konnten, möchte ich diese Ehrung, im Namen der Bayerischen Staatsregierung, des Bayerischen Landtags und natürlich der Stadt Olching jetzt gerne nachholen.

 

Nicht vergessen möchte ich in diesem Zusammenhang unsere ehrenamtlich tätigen Feuerwehrfrauen und -männer, die tagelang im Einsatz waren, um zu helfen. Gut, dass es euch und all die anderen Rettungsorganisationen gibt.

 

Alleine die Feuerwehren der Stadt sind in 2013 760-mal im Einsatz gewesen.  Meine Hochachtung und Respekt.

 

Über 100.000 Euro hat das Hochwasser an der Starzel die Stadt bereits gekostet und über 160.000 Euro sind für Schutzmaßnahmen der verschiedensten Art im Haushalt 2014 vom Stadtrat eingeplant worden.

------

Eine Gemeinschaft ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Mit die schwächsten dürften in Olching derzeit die Flüchtlinge aus vielen Herrenländern der Welt, die Zuflucht und Schutz bei uns suchen und Asyl beantragt haben, sein. Allesamt geflüchtet aus Bürgerkrieg, Gewaltherrschaft, Bedrohung und Unterdrückung. Sie haben Schicksale und Wege hinter sich, die schier unfassbar sind. Für Menschen, auch wie mich, die in unserer friedlichen, demokratischen und sozialen Wohlstandsgesellschaft - in der Burg Europa, wie es manche durchaus kritisch formulieren - aufwachsen durften, kaum zu ertragen, wenn man es aus erster Hand geschildert bekommt.

 

Umso mehr bin ich froh und glücklich, dass die derzeit rund 90 Asylbewerberinnen und -bewerber so freundlich bei uns in der Stadt aufgenommen wurden. Froh, dass sich so manche Befürchtung und Skepsis, auch aus der Nachbarschaft, nicht bewahrheitet hat und im Gegenteil viele Ehrenamtliche diese Menschen unterstützen und Freundschaften entstanden sind.

 

Ich werde die Stimmung nicht vergessen, als der Volksfestreferent und ich die AsylbewerberInnen auf das Volksfest eingeladen haben. Es war großartig zu sehen, wie wohl sie sich gefühlt haben und wie gut sie von den Olchingern an den Nachbartischen aufgenommen wurden. Ein sorgloser Abend für Menschen, die viele Sorgen und Ängste im Gepäck haben. Eine Sorge hatten zwei junge Männer aber doch. Die Sorge, dass ihr Gott sie mit einem Maßkrug sehen könnte. Aber auch sie wussten sich zu helfen und hatten kurzer Hand die Speisekarte wie ein Zelt über den Krug gestellt und gaben mir zu verstehen, dass so alles in bester Ordnung sei. Ein schöner Moment.

 

An dieser Stelle ist mir eines der wohl bekanntesten Zitate eines großen Mannes in den Sinn gekommen. Ein Staatsmann, ein Mensch, vor dessen Leben man sich nur verneigen kann. Im Dezember ist er verstorben, Nelson Mandela. Sie kennen den Ausspruch vielleicht auch:

„Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen zu hassen. Menschen müssen zu hassen lernen, und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann Ihnen auch gelehrt werden zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil."

 

Wenn es also einen weiteren Wunsch von mir für unsere Stadt Olching gibt, dann, dass diese Willkommenskultur in Olching fortbesteht.

 

Aktuell bewegt mich persönlich ein Thema, welches im letzten Jahr kurz auch medial in Erscheinung trat, dann von der Bildfläche verschwand und durch einen ernüchternden Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO der UN in den letzten Tagen immerhin in mancher Tageszeitung wieder aufschien. Die Jugendarbeitslosigkeit.
Nein, nicht in Deutschland. Wenngleich es auch hier, in einem Staat, in dem zurzeit nahezu Vollbeschäftigung herrscht, junge Menschen ohne Arbeit oder in Praktika und anderen Ausbeutungsverträgen gibt. Junge Menschen, die sich schwer tun eine Ausbildungsstelle zu finden.

In diesem Zusammenhang ein herzliches Dankeschön an alle, die sich in unserer Stadt diesen Heranwachsenden annehmen und sie aktiv auf diesem Weg unterstützen. Als ein Beispiel möchte ich hier den Schub e.V. nennen.

 

Weltweit steigt die Arbeitslosigkeit dramatisch an, besonders stark betroffen sind die 15- bis 24-Jährigen. Der Bericht der UN liefert eine Erklärung: Schuld an der negativen Entwicklung sei die Sparpolitik vieler Länder. Allein in südeuropäischen Ländern ist jeder Zweite auf Jobsuche.

 

Das macht nachdenklich, das sollte uns sehr nachdenklich machen. Als ich dann aber als Vorsitzender des Bayerischen Roten Kreuzes den quasi Augenzeugenbericht hörte, von einer Arbeitskräftesichtung in der spanischen Partnerstadt von Fürstenfeldbruck, wie Menschen und vor allem junge Menschen teils stundenlang angestanden haben, von weit her kamen, in der Hoffnung im gelobten Land Deutschland einen Job zu ergattern, da sind mir Bilder in den Kopf geschossen, die mir nicht gefallen haben.

 

Ja, wir haben einen Arbeitskräftemangel in der Pflege und vielen anderen Bereichen. Als Bürgermeister kämpfe ich ständig um qualifiziertes Kindertagesstättenpersonal, auch wir haben in Griechenland gesucht, aber kann das wirklich eine nachhaltige europäische Politik sein? Ist das der Gedanke von Europa, mit seinen eigenständigen und eigens lebensfähigen Staaten? Sind wir denn noch alle gleichberechtigte Partner?

 

Tobias Öchsner von der Süddeutschen Zeitung hat hierzu einen Kommentar geschrieben, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

 

„Wenn junge Leute arbeitslos werden oder erst gar nicht den Einstieg ins Berufsleben finden, hinterlässt dies eine lebenslange Narbe. Nichts tun zu können, nagt am Selbstvertrauen. Solche Menschen lernen erst spät auf eigenen Füßen zu stehen. Und selbst wenn sie irgendwann einen Job ergattert haben, ist ihr Risiko, bald wieder auf der Straße zu landen, ein Leben lang wenig zu verdienen und später in die Altersarmut zu rutschen, besonders hoch. Dieses Schicksal tragen derzeit Millionen Jugendliche von Lissabon bis Stockholm. Es ist die Tragödie Europas.

So mag es kurzfristig helfen, wenn die starke Bundesrepublik zum Hafen für junge Europäer wird. Davon profitieren beide Seiten: Spanier oder Griechen erhalten einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle, die deutschen Unternehmen müssen eine Fachkraft weniger suchen. Nur ist das Grundproblem damit nicht gelöst. Es können und werden nicht Hunderttausende ins gelobte Land kommen. Die meisten arbeitslosen Jugendlichen müssen weiter zu Hause auf ihre Chance warten. Derzeit sieht es nicht so aus, dass diese schnell kommen wird. Bleibt es dabei, werden sie zu Europas verlorener Generation."

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, eine solche verlorene Generation darf es nicht geben, denn die Sprengkraft wäre enorm. Der sozialpolitische Offenbarungseid Europas.

 

Was hat das mit Olching zu tun, können Sie sich jetzt fragen. So manches. Auch wir hängen bereits heute mehr als wir glauben an Europa und dessen Entwicklung. Was werden unsere Bemühungen vor Ort für eine bestmögliche frühkindliche Bildung, für gute Schulen und Jugendsozialarbeit und vieles mehr am Ende Wert sein?

 

Diese Stadt hat in den letzten Jahren mehr als 30 Millionen Euro in Bildung, Betreuung und das Vereinswesen investiert. Dazu kommen Millionen jedes Jahr für Betrieb und Unterhalt dieser Einrichtungen. Was sind diese Bemühungen wert, wenn das Pulverfass explodieren würde?

 

Diese Schieflage der Regionen existiert übrigens auch innerhalb Bayerns. Der „Nord-Süd-Trek" wird er bei Kollegen im Städtetag genannt. Also die Abwanderung aus den nördlichen Teilen Bayerns in die Region München. Finanziell für die Volkswirtschaft ein Desaster, besonders für uns Steuerzahler. Der Druck auf Wohnraum, soziale und verkehrliche Infrastruktur nimmt hier stetig zu. Neues wird geschaffen, muss geschaffen werden. Für viele Millionen. Preise auf dem Immobilienmarkt explodieren. In den nördlichen Regionen gibt es günstigen Wohnraum, schön restaurierte historische Innenstädte, Krippen- und Kigaplätzen, moderne Schulen. Alles bezahlt, aber immer weniger genutzt. 

 

Warum findet diese Wanderung also trotzdem statt? Viele von Ihnen werden da eine Antwort im Kopf haben, hatte ich auch. Es gibt dort einfach zu wenig Arbeitsplätze.

 

Wir haben das im Städtetag diskutiert und hier kommt die Ernüchterung, die Antwort ist so nicht richtig. Sie trifft nicht für alle Regionen Bayerns mit Abwanderung zu. Arbeitsplätze wären da, aber oft keine qualifizierten Kräfte mehr. Die Spirale, die da entsteht, dürfte klar sein.

 

Also warum wandern diese Menschen dann ab? Einer Oberbürgermeisterkollegin aus einer dieser Abwanderungsregionen habe ich die Frage gestellt. Gemeinsam kamen wir nur auf eine Antwort: Die Anziehungskraft, das besondere Image der omnipotenten Stadt München und Ihres Umlands, überlagern die durchaus nicht wegzudiskutierenden Problemlagen, die durch sehr starken Bevölkerungswachstum in kurzer Zeit entstehen.    

 

In Europa, wie auch in Bayern ist es aller Mühen wert, dass Menschen, dort wo sie von Hause aus leben, weiter leben können und wollen und das in einer Art und Weise, die nicht zu sehr zu anderen Regionen differiert. Denn wenn der Unterschied der Lebensperspektive und -qualität zu groß wird, dann wird sich weiterhin der mobile Teil der Gesellschaft - und das sind vor allem die jungen Menschen - auf den Weg machen. Mit schwerwiegenden Folgen für uns alle!

 

Im Zusammenhang mit Europa möchte ich gerne an unsere bewegende Feier anlässlich der 50-jährigen Partnerschaft mit unseren Freunden aus dem französischen Feurs erinnern. Es waren wunderbare Tage getragen von dem Gedanken des vereinten Europas. Als besondere Ehre haben es unsere Gäste aus Feurs empfunden, dass der Stadtrat auf meinen Vorschlag hin, eine Straße im neuen Baugebiet an der Max-Reger-Straße nach dem langjährigen Bürgermeister von Feurs und Ehrenbürger der Stadt Olching, André Delorme, benannt hat.

 

In diesem Jahr wird die Partnerschaft mit Tuchola 20 Jahre. Vertreter der Stadt sind bereits zu diesen Feierlichkeiten nach Polen eingeladen. In diesem Zusammenhang ein großer Dank an Alfred Kupka. Er ist 1. Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaft und hilft uns seit über 10 Jahren bei den Kontakten zwischen Olching und Tuchola und organisiert Treffen und Austausch.

 

 

Blackout. Nein, keine Sorgen nicht bei mir.

 

„Blackout - Morgen ist es zu spät", ist der Titel eines Bestsellers des vergangenen Jahres von Marc Elsberg, der in näherer Zukunft und vor allem in Europa spielt. Der Roman erzählt über zwei Wochen die katastrophalen Auswirkungen eines großflächigen Stromausfalls in Europa.

 

Dieses Buch kann ich nur empfehlen. Auch wenn es größtenteils Fiktion ist. Gerade in Zeiten von Späh- und Hackerangriffen à la NSA und der Diskussion um die Verletzlichkeit unserer modernen Welt, auch hinsichtlich der Frage wie eng vernetzt und abhängig voneinander unser Europa mittlerweile ist; insbesondere in Zeiten der intensiven Debatten über das Thema Energieversorgung, regionale Erzeugung, Windkraft und vieles mehr, ist dies ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

 

In kurzen Worten, ohne Ihnen natürlich die Spannung zu nehmen, um was es geht: An einem kalten Februarabend geht in Italien das Licht aus. In Europa brechen die Stromnetze weitgehend zusammen, Kraftwerke schalten sich ab, Fahrstühle und U-Bahnen stecken fest.

Der Grund ist eine Manipulation der intelligenten Stromzähler, die in Italien flächendeckend eingesetzt werden. Die europäischen Stromnetze geraten aufgrund der sensiblen Netzstruktur durch die großflächige Abschaltung der Abnehmer in Italien aus dem Gleichgewicht und kollabieren. Durch weitere Cyberangriffe auf die großen Kraftwerksanlagen lässt sich das System nicht mehr hochfahren. In Europa gehen für Tage die Lichter aus.

Unterdessen wird die Situation immer dramatischer: Menschen sterben durch Kälte, Nahrungsmangel, fehlende medizinische Versorgung und letztlich Unruhen.

 

Erschreckend, meine Damen und Herren, wenn man sich einwenig bewusster macht, wie abhängig wir eigentlich alle vom Strom sind, der doch so einfach und jederzeit aus der Steckdose kommt.

 

Ob uns die Regionalität der Energieerzeugung hiervon verschont, mag ich nicht beantworten, wohl aber eher nicht. Sie können dazu den Geschäftsführer unseres kommunalen Stadtwerks, der EVO, Herrn Schulz, den ich an dieser Stelle herzlich begrüße und mich bedanke, dass die EVO wieder gemeinsam mit der Stadt den Umweltpreis der Stadt unter dem Motto: „Olchings Best Klimaschützer" verleihen wird, ihn also können Sie gerne nach Ende des offiziellen Teils dazu befragen.   

 

Eines ist aber sicher. Zur regenerativen Energieerzeugung vor Ort gibt es keine Alternativen. Auch das macht eine Gemeinschaft, die wir nicht nur in der Stadt, sondern eben auch in unserem Staat und letztlich in Europa sind, aus.

Das durchaus beliebte St. Floriansprinzip, Sie kennen es, „lieber St. Florian, verschon mein Haus, zünd´ andere an", darf hier nicht gelten. Denn ungünstigerweise gibt es den Anderen eben nie.

 

Erfreuliches gibt es hier für die Stadt Olching zu vermelden. Nahezu 100 % des Stromverbrauchs Olchings wird in Olching regenerativ erzeugt. Einen Steinwurf von hier entfernt steht das historische Wasserkraftwerk am Mühlbach, das 1920 bereits den Betrieb aufnahm. 100 % regenerative Versorgung. Auch eine Imagefrage und ein Teil der Antwort wer oder was Olching eigentlich ist.

 

Leider erkennen wir das St. Floriansprinzip gerade bei der Windkraftdebatte durchaus. Der gemeinsame Teilflächennutzungsplan Windkraft des Landkreises droht zu scheitern, nachdem sich Bürger, vor allem im westlichen Teil des Landkreises, massiv übervorteilt sehen. Sie fühlen sich aufgrund der höheren Zahl an potenziellen Standorten gegenüber der möglichen Standorte im dicht besiedelten östlichen Landkreisteil ungerecht behandelt. Möglicherweise scheitert der Plan aber einfach am Horst, wie Sie, sehr geehrter Herr Landrat, so schön formuliert haben: am Horst des Rotmilans und dem Seehofer Horst. Mal sehen ob Sie recht behalten.

 

Ich habe mich nur gefragt, welche Debatte wird in Bayern losgehen, wenn sich die zwei Kilometer Abstandsregel zur Wohnbebauung durchsetzt? Die Ballungszentren werden keine Standorte mehr haben, durchaus aber die ländlichen Gebiete in Nordbayern oder auch Niederbayern. Werden diese Bürger es klaglos hinnehmen, dass die, die viel mehr Strom verbrauchen, keine Windräder haben, sie aber schon? Wenn man die Debatte in unserem Landkreis zum Maßstab nimmt, dann meine ich, sie werden es nicht hinnehmen.

 

Neben Strom, der auch in zunehmenden Maße auf den Dächern der städtischen Gebäude erzeugt wird, bisher über 580.000 kWh, das entspricht etwa 320.000 kg weniger Treibhausgase, kommt dem Thema Wärmeenergie eine bedeutende Rolle in der Frage nach dem Erfolg der regionalen Energiewende zu. Ich freue mich sehr, dass wir ein Projekt zusammen mit der EVO gestartet haben, dass diese Stadt nachhaltig verändern wird. Neben dem Schwaigfeld und dem neuen Gewerbepark, der zu 100 % mit Fernwärme beheizt wird, werden sukzessive Nahwärmeinseln entstehen, die am Ende ein großes Fernwärmenetz bilden werden, gespeist vorwiegend aus der Wärme unserer Abfälle.

 

Am Ende wird uns die Energiewende aber nur gelingen, wenn das gilt, was Torben Gösch, ein Fachjournalist für Energiewirtschaft, geschrieben hat: „Die Energiewende jedes Einzelnen ist unser aller Weg in eine bessere Zukunft."

  

Meine Damen und Herren, am Ende meiner Neujahrsansprache versuche ich noch mal den Weg zurück zu meiner Eingangsfrage: Wer sind wir?

 

Vielleicht haben einige meiner Gedanken in dieser Rede Antworten skizzieren können und doch bleibe ich dabei. Wir sind, Olching ist das, was jeder einzelne Mensch in dieser Stadt ist und was er ganz persönlich glaubt, was diese Stadt ausmacht.

 

Und bei aller Subjektivität meine ich doch, dass wir gerne und gut hier leben können, dass wir dieser Stadt und uns allen überzeugt wünschen können: Bleib so, wie du bist! 

 

Ich danke Ihnen allen.

drucken nach oben