Rede des Ersten Bürgermeisters zum Volkstrauertag, 18.11.2012, Kriegerdenkmal Olching

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr verehrter Herr Diakon Baldes,

sehr verehrter Herr Pfarrer Sauer,

Herr Arndt,

Herr Wacker,

verehrte Mitglieder des Stadtrats,

meine Damen und Herren,

liebe Freunde aus Tirol

 

immer zwei Sonntage vor dem Ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Zugleich ist er ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können. Aus diesem Grund haben wir uns heute hier am Kriegerdenkmal eingefunden.

 

Nun leben wir schon seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten, in einem Land, das vom Zivilleben geprägt und vom Krieg wenig berührt ist, denn die gegenwärtigen Kriege auf der Welt sind räumlich betrachtet weit weg. Nicht nur Deutschland, ganz Europa lebt heute in Freiheit und Frieden. Das ist etwas, das wir uns auch gerade angesichts der aktuellen Schlagzeilen zur Eurokrise in Erinnerung rufen müssen: Der Prozess der europäischen Integration hat auf unserem Kontinent zu einer beispiellosen Ära des Friedens geführt.

 

Frieden in Europa - dieser zentrale Gedanke stand hinter den Bestrebungen um eine europäische Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Nie mehr wieder sollte ein Krieg Europa verheeren, sollte die Konkurrenz zwischen europäischen Staaten zur Anwendung von Gewalt führen. Das ist gelungen. Diesen Erfolg der europäischen Idee dürfen wir nicht vergessen, wenn wir heute in den Nachrichten von Generalstreiks in Griechenland, Massenprotesten in Portugal, Rettungsschirmen und komplizierten Stabilitätsmechanismen erfahren, die auch bei uns zu Verunsicherung führen.

 

In Zeiten des Wohlstands und der Einigkeit ist es schwierig, Wertschätzung dafür zu empfinden, dass wir in Europa in Frieden und Freiheit leben können. Gerade für die junge Generation, die in Westdeutschland aufgewachsen ist, für meine Generation und die nachfolgende, erscheint dies selbstverständlich, hat sie doch nie direkt erfahren, wie es sich anfühlt, in Krieg und Unfreiheit zu leben. Die Erzählungen über Flucht, Kriegsgefangenschaft, das Leben an der Front, die Haft in Konzentrationslagern oder die Unterdrückung durch das SED-Regime vermitteln zwar, wie anders das Leben in Deutschland und Europa noch vor wenigen Jahren und Jahrzehnten war, doch verliert dieses Bewusstsein für die Geschehnisse der Vergangenheit im modernen Alltag schnell wieder seinen Schrecken. Das ist wahrscheinlich nur natürlich und in vielerlei Hinsicht auch gut, doch machen wir uns zu wenig bewusst, welch privilegiertes Leben wir heute führen dürfen.

 

Bundespräsident Gauck hat in diesem Jahr bei einigen Anlässen und speziell bei seiner Rede vor der Bundesversammlung davon gesprochen, dass mit der Freiheit des Menschen die ethische Pflicht einhergeht, Verantwortung zu übernehmen. „Freiheit heißt nicht nur frei sein von etwas, sondern auch frei sein zu etwas." Wenn man sich Freiheit und Frieden ersehne, seien diese Werte stets makellos. Wenn sie in einer demokratischen Gesellschaft wie Deutschland bereits etabliert seien, würden sie oft nicht mehr als solche wahrgenommen.

 

Bundespräsident Gauck geht also noch weiter. Er fordert nicht nur mehr Bewusstsein für das Privileg der Freiheit und des Friedens, das wir leben, sondern er fordert, dass wir die aus diesem Privileg erwachsende Pflicht und Verantwortung annehmen.

 

An dem Ort, an dem wir heute stehen, brach der Krieg direkt in das Leben ein. Bei einem alliierten Bombenangriff am 22. Februar 1944 mittags wurden 22 Menschen getötet, darunter auch zwei von den ca. 1.000 in und um Olching beschäftigten Zwangsarbeitern. Auch in Olching haben viele Menschen Gewalt und Terror erlebt. Ganz zweifelsfrei erwächst aus der Tatsache, dass wir heute hier stehen und der Opfern gedenken, eine Verantwortung.

 

Vertreibung, Krieg und Gewalt gehören an vielen Orten auf der Welt nicht der Vergangenheit an, sondern prägen den Alltag der Menschen. Die gegenwärtigen Kriegsschauplätze und Krisenherde verursachen Flüchtlingsströme. Tausende Menschen fliehen, weil sie in ihren Heimatländern weder in Freiheit noch in Frieden leben können.

 

Hier haben wir die Möglichkeit, ganz konkret etwas zu bewirken. In den nächsten Tagen werden wir vom Landratsamt erfahren, ob 30 bis 35 Asylbewerber in Olching untergebracht werden.

 

Als Stadt sehen wir natürlich die Notwendigkeit, dass für Asylbewerber geeignete Unterkünfte bereitgestellt werden müssen, und als dritteinwohnerstärkste Kommune im Landkreis stehen wir hier in der Pflicht und müssen unseren Beitrag leisten. Das Asylrecht für politisch Verfolgte ist in Deutschland ein im Grundgesetz verankertes Grundrecht. Dass diesen Menschen geholfen werden muss, gebieten der Anstand und die Menschlichkeit.

 

Doch nicht nur als Asylsuchende versuchen verzweifelte Menschen, nach Europa zu kommen. Die 21-jährige somalische Sprinterin Samia Yusuf Omar scheiterte in diesem Sommer bei ihrem Versuch, auf eigene Faust die Olympischen Sommerspiele in London zu erreichen, und erlitt mit einem Flüchtlingsboot Schiffbruch. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie Anfang April im Mittelmeer ertrunken, wie 6.000 weitere Menschen, die sich auf der Flucht nach Europa befanden. Für die Olympischen Spiele 2008 in Peking hatte sie sich als damals 17-jährige gegen den Widerstand muslimischer Kräfte den Olympiastart erkämpft und mit ihrem 200-Meter-Lauf zahlreiche Menschen begeistert. Sie hatte in einem von Kugeln durchsiebten, mit Pflanzen überwucherten Stadion trainiert, das nicht einmal über eine Laufbahn verfügte.

 

Anfang des Jahres brach sie allein in Richtung London auf, als nicht klar war, ob Somalia diesmal eine Mannschaft würde entsenden können.

 

Ihre Mutter hatte für die Reise ihrer Tochter ein Grundstück verkauft, im Wohnort wurde Geld gesammelt, um die junge Sportlerin zu unterstützen. Acht Monate vor den Spielen brach Samia auf, ihr Ziel sollte sie nie erreichen.

 

Ein junger Mensch, der sein Leben verliert auf der Suche nach Freiheit und Frieden. Ein junger Mensch, der für die freie Verwirklichung seines Traums alles in Kauf nimmt, sogar das Risiko des eigenen Todes.

 

Und bei uns fällt es schwer, innezuhalten und sich bewusst zu machen, welch unschätzbar wertvolles Privileg wird doch leben. Ein Privileg, das Verantwortung mit sich bringt und manchmal auch harte Arbeit erfordert.

 

„Freiheit heißt nicht nur frei sein von etwas, sondern auch frei sein zu etwas."

 

In seinem Vortrag sagte Bundespräsident Gauck auch: „In diesem reichen und verwöhnten Land, wo es den Menschen so gut geht, ist es manchmal nötig, uns das, was wir errungen haben, noch mal vor Augen zu stellen. Ganz so, als würden wir es neu sehen."

 

Womöglich ist es das, was wir versuchen müssen. Bald werden wir nicht mehr die Chance haben, mit unseren Großeltern über den Krieg und die Vertreibung zu sprechen. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die an Schulen Vorträge über den Holocaust halten. Spätestens dann muss es uns gelungen sein, dieser Verantwortung gerecht zu werden, die aus dem Leben in Freiheit und Frieden erwächst.

 

Das wollen wir im uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen. In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.

 

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Ich danke Ihnen allen für Ihr aktives Mitwirken, den Vereinen, der Blaskapelle Olching, dem Gesangverein Harmonie und der Bundeswehrabordnung aus Fürstenfeldbruck. Ich danke allen, die am heutigen Tag dieser Zeremonie beigewohnt haben und erkläre die Feierstunde für beendet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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