Rede des Ersten Bürgermeisters zum Volkstrauertag, 13. November 2011, Kriegerdenkmal Olching

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr verehrter Herr Diakon Baldes,

sehr verehrter Herr Pfarrer Sauer,

Herr Horn,

Herr Wacker,

verehrte Mitglieder des Stadtrats,

meine Damen und Herren,

 

der Volkstrauertag ist ein Tag des stillen Gedenkens an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Zugleich ist er ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können.

 

Ich gehöre zu der glücklichen Generation in Deutschland, die in Frieden aufwachsen durfte. Auch wenn meine Kindheit in die Zeit des Kalten Kriegs fiel und ich als kleiner Junge an der innerdeutschen Grenze stand und durch den Stacheldraht auf den Todesstreifen blickte - ich erinnere mich daran, wie ein Grenzsoldat bewaffnet aus seinem Wachturm trat, als er mich und meine Familie dort sah - war mein Leben nie direkt von militärischen Ereignissen beeinflusst.

 

Wir leben heute in einem Europa, in dem der Frieden dauerhaft gesichert ist. Um diesen Erfolg der europäischen Einigung beneiden uns viele.

 

Und doch leben wir in einer Zeit, in der ein Gewaltakt in einem fernen Winkel der Welt unmittelbaren Einfluss auf das Leben in unserem Land hat. Auch in diesem Jahr verübten Terrornetzwerke blutige Anschläge auf unschuldige Menschen. Auch in diesem Jahr befindet sich die Bundeswehr in Auslandseinsätzen von Afghanistan bis Ruanda. Auch in diesem Jahr sind wieder deutsche Soldaten in einem krisengeschüttelten Teil der Welt, an dem sie für Frieden und Freiheit eintreten, gestorben. Auch in diesem Jahr gibt es unzählige Kriege - das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung zählt in seinem aktuellen Konfliktbarometer 363 militärische Konflikte weltweit, darunter sechs Kriege und 22 schwere Krisen.

 

Was würden die Gefallenen sagen, wenn sie mit uns sprechen könnten?

 

Ich möchte an dieser Stelle Heinrich Heine zitieren, einen deutschen Dichter, der vor den beiden Weltkriegen lebte. Er schrieb:

 

„Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte."

 

Unter jedem Grabstein eine ganze Welt. Das ist für die Menschen zutreffend, die nach einem ereignisreichen, erfüllten Leben starben. Heute schließen wir aber jene Menschen in unsere Gedanken und Gebete ein, die ihr Leben nicht zu Ende leben konnten. Unter ihrem Grabstein - so sie denn einen Grabstein haben - ungelebte Träume, Wünsche und Hoffnungen. Unter ihrem Grabstein aber auch die Geschichte einer Welt, in der es uns noch immer nicht gelungen ist, 66 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen zu garantieren.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir wollen uns am diesjährigen Volkstrauertag wieder auf das Ideal der Menschlichkeit und auf die Verantwortung besinnen, die wir alle tragen, wenn es um seine Verwirklichung geht.

 

Am Anfang meiner Rede habe ich die europäische Integration und den Kalten Krieg erwähnt. Der historische Prozess der europäischen Einigung lehrt uns, dass es möglich ist, die Welt, wie wir sie kennen, zu verändern. Als der Zweite Weltkrieg endlich vorbei war und Deutschland in Trümmern lag, hätte niemand zu hoffen gewagt, dass die friedlichste Zeit in der Geschichte unseres Kontinents angebrochen war, dass Europa zusammenwachsen und Länder, die ehemals Feinde waren, zu Partnern in der Freiheit werden würden.

 

Gleichermaßen hätte in den dunklen Jahren des Kalten Krieges niemand voraussagen können, dass ausgehend von einer Werft in Polen, einem Grenzzaun in Ungarn und einer Kirche in Leipzig eine Demokratiewelle den ehemaligen Ostblock erfassen würde und zum Fall der Mauer, des Eisernen Vorhangs und einer ganzen Ideologie führen würde. Heute liegt ein geeintes Deutschland im Herzen eines friedlichen Europas. Dem kleinen Jungen, der in der Nähe von Fulda durch den Stacheldraht in das „andere" Deutschland blickte, wäre diese Geschichte damals wie ein Märchen vorgekommen.

 

Das wollen wir im uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen. In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.

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