Rede zum Volkstrauertag, 17. November 2019, Erster Bürgermeister Andreas Magg, Kriegerdenkmal Olching

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr verehrter Herr Diakon Baldes,

sehr verehrter Herr Pfarrer Sauer,

Herr Böhr,

Herr Wacker,

verehrte Mitglieder des Stadtrats,

liebe Freunde aus Tirol,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

Immer zwei Sonntage vor dem Ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt, deren wir gedenken wollen. Zugleich ist er ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir – ganz persönlich, aber auch als reiches Land in einem freien und friedlichen Europa - für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können. Aus diesem Grund haben wir uns heute hier am Kriegerdenkmal eingefunden. Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind.

 

30 Jahre Mauerfall. 30 Jahre Wiedervereinigung. Diesem maßgeblichen Jubiläum möchte ich meine diesjährige Ansprache widmen. Denn die Ereignisse der noch jüngeren Vergangenheit Deutschlands drohen ebenfalls in Vergessenheit zu geraten. Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass eine große, unüberwindbare Mauer quer durch Deutschland verlief.

 

Dabei hat auch so mancher Olchinger eine Vergangenheit, die eng mit der ehemaligen DDR verbunden ist. Ich hatte das Privileg einige bei runden Geburtstagen oder anderen Gelegenheiten kennenlernen zu dürfen. Mutige Menschen, die Zivilcourage bewiesen haben. Einer erzählte mir beispielsweise, wie er geholfen habe Schüler aus Ost-Berlin mit Hilfe von Ausweisen ähnlich aussehender Kameraden in den Westen zu schmuggeln. Diese spektakuläre Flucht wurde sogar verfilmt: „Die Klasse – Berlin '61“. Rückblickend betrachtet ein lebensgefährdendes Unterfangen. Ich habe höchsten Respekt vor Menschen, die das Wohl anderer über ihr eigenes stellen. Man sieht, Extremsituationen können auch das Beste in einigen Menschen hervorbringen.

 

Die weitaus meisten Menschen werden aber in einem diktatorischen Regime mit Schmerz und Verzweiflung konfrontiert. Auch in Olching leben nicht wenige Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Familien auf der Flucht gefasst, inhaftiert oder auseinander gerissen wurden. Aus meinen Gesprächen mit den Betroffenen geht immer wieder hervor, dass diese Ereignisse nach wie vor sehr emotional besetzt und vor allem präsent sind. So etwas kann nicht einfach vergessen werden. Diese Erfahrungen begleiten einen ein Leben lang und lassen einen niemals gänzlich los. Teils haben sie Leben unwiederbringlich zerstört.

 

Die sogenannte „befestigte Staatsgrenze“ war ein Schauplatz zahlloser Schicksale und Gräueltaten. Gescheiterte Fluchten und zerstörte Träume gehörten zu den noch eher harmlosen Vorkommnissen. Schießbefehle hingegen forderten diverse Leben. Die Zahlen variieren zwischen 140 und 245 gewaltsamen Maueropfern. Schlussendlich ist jeder einzelne von ihnen zu viel.

 

Auch dürfen wir nicht vergessen, dass sich die Mauer nicht nur mitten durch Berlin zog. In den Medien werden heute hauptsächlich noch Aufnahmen aus der Hauptstadt gezeigt, aber was ist mit all den kleineren Orten, die zum Teil ebenfalls in zwei Hälften geteilt wurden? Mödlareuth in Bayern beziehungsweise Thüringen zum Beispiel. Dort teilte eine 700m lange Betonsperrmauer mit Metallgitterzaun und Beobachtungsturm die 40-Seelen-Kommune entzwei. Nachbarn waren plötzlich keine Nachbarn mehr. Familienmitglieder konnten sich auf einmal nicht mehr einfach so besuchen und sehen.

Stellen wir uns vor, von einem Tag auf den anderen könnten wir nicht mehr in den Olchinger Norden, weil an der Bahnlinie eine unüberbrückbare Grenze aufgebaut ist. So etwas gibt es noch heute. Vor einigen Jahren war ich in Nicosia. Unvorstellbar im 21. Jahrhundert.

 

Willy Brandts Ostpolitik der Aussöhnung brachte schließlich die Wende. Unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ strebte er die Verständigung mit den Staaten Osteuropas an, was auch die Grundlage für die Annäherung beider Teile Deutschlands bildete. Der Mauerfall ebnete schließlich den Weg, der innerhalb eines Jahres zum Zusammenbruch der SED-Diktatur, zur Auflösung der DDR und gleichzeitig zur staatlichen Einheit Deutschlands führte.

 

Nur durch den Fall des Eisernen Vorhangs war der Kontakt zu unseren östlichen Nachbarn und somit die Begründung unserer Städtepartnerschaft mit Tuchola in Polen möglich. Eine Verbindung, die auch 25 Jahre später noch immer sehr wichtig für die Völkerverständigung ist. Bei unseren regelmäßigen Treffen erlebe ich regelmäßig, wie gewinnbringend der direkte Austausch und das Kennenlernen der jeweils anderen Kultur sein können.

 

Auch heute würde uns eine Versöhnungspolitik in Europa noch gut tun. Der Frieden, den wir als selbstverständlich betrachten, ist es bei Weitem nicht. Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass sich die Schrecken der Vergangenheit nicht wiederholen, dass unsere Demokratie gewahrt bleibt und dass wir uns persönlich, aber auch unsere Gesellschaft sich menschlich gegenüber unseren Mitmenschen verhält.

 

Zu guter zuletzt wollen wir wie jedes Jahr der lokalen Kriegsereignisse der Vergangenheit gedenken. Am 22. Februar wird sich der Bombenangriff der Alliierten auf Olching wieder jähren. 22 Menschen ließen damals ihr Leben, darunter auch zwei von den ca. 1.000 in und um Olching beschäftigten Zwangsarbeitern. An dem Ort, an dem wir heute stehen, brach der Krieg direkt in das Leben der Menschen in unserer Stadt ein. Diese Olchinger, wie auch alle anderen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Gewalt, Krieg und Terror zum Opfer gefallen sind, ehren wir heute mit unserem Andenken. Wir werden sie nicht vergessen!

 

Wir denken heute an alle deutschen Soldaten im Auslandseinsatz und ihren persönlichen, teils lebensgefährlichen Einsatz für unser Land.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Insofern sind wir alle aufgefordert unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlichen Weltanschauungen entscheidend. Im Kleinen wie im Großen.

 

Das wollen wir uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen.

 

In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.

 

 

Danksagung

 

Ich danke Ihnen für Ihr aktives Mitwirken. Ich danke allen, die am heutigen Tag dieser Zeremonie beigewohnt haben – ein besonderer Dank unseren Fahnenabordnungen für die Teilnahme und natürlich auch, dass unsere Freunde aus Tirol am heutigen Tage wieder bei uns sind - und erkläre die Feierstunde für beendet.

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