Rede des Ersten Bürgermeisters Andreas Magg zum Volkstrauertag am 18. November 2018

Sehr verehrter Herr Diakon Baldes,

sehr verehrter Herr Pfarrer Sauer,

Herr Böhr,

Herr Wacker,

verehrte Mitglieder des Stadtrats,

liebe Freunde aus Tirol,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Immer zwei Sonntage vor dem Ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt, deren wir gedenken wollen. Zugleich ist er ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir – ganz persönlich, aber auch als reiches Land in einem freien und friedlichen Europa - für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können. Aus diesem Grund haben wir uns heute hier am Kriegerdenkmal eingefunden. Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind.

 

Dieses Jahr möchte ich in meiner Rede ein besonderes Augenmerk auf die Leiden der Vertriebenen legen. 1945 und in den Jahren danach wurden die Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und ihren Siedlungsgebieten in Osteuropa gewaltsam vertrieben. Rund 14 Millionen verloren ihre Heimat. Unter anderem auch ein Teil meiner Familie.

 

Viele von ihnen fanden in Olching eine neue Heimat. In den 1950er Jahren waren rund 25 % der Olchinger Bürgerinnen und Bürger Vertriebene - kaum einer ist sich dessen heutzutage noch bewusst. Lediglich die Straßennamen in einem ganzen Olchinger Stadtviertel zeugen heute noch davon. Breslauer, Ordensland, Sudeten und Ostpreußen Straße. Dass wir uns dieser historisch bedeutsamen Bevölkerungsveränderung nicht mehr bewusst sind,  ist aber auch ein Zeichen für die gelungene Integration. Olching ist vielen Menschen zu einer neuen Heimat geworden. Seit an Seit mit der bestehenden Einwohnerschaft wurde Olching aufgebaut zu dem was es heute ist.

Immer wieder habe ich in meiner Funktion als Bürgermeister die Gelegenheit mit den wenigen verbliebenen Zeitzeugen von damals zu sprechen. In diesen Gesprächen fällt mir immer wieder auf, wie präsent die Ereignisse von damals den Betroffenen noch sind. Sie können sich an viele Dinge der vorhergegangen Tage nicht mehr erinnern, manchmal auch nicht an die Namen von Kindern oder Enkel: An das Aufheulen der Sirenen, wo sie sich genau zu dem Zeitpunkt aufgehalten oder wie sie sich gefühlt haben als Flugzeuge im Tiefflug über ihre Köpfe flogen und Bomben einschlugen, daran existiert noch heute eine fast lückenlose Erinnerung.


Die Bilder, die Geräusche und zum Teil sogar die Gerüche von damals haben sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Selbst heute noch – über 70 Jahre später - sind diese Erinnerungen für die Betroffenen sehr belastend. Ihr ganzes Leben lang tragen sie diese Last mit sich. Ich persönlich empfinde Hochachtung vor dieser Generation, die trotz alle dieser Seelenqualen, dem Verlust von vielen lieben Menschen und teils eben auch der Heimat so großartiges für uns, für Ihre Nachkommen geleistet und bereitet haben.

 

Institutionen wie der VdK und der Veteranen- und Kameradschaftsverein Olching waren und sind notwendige Anlaufstellen für Betroffene wie auch Angehörige und tragen dafür Sorge, dass diese wichtigen Erfahrungen nicht verloren gehen. Deshalb war es auch so essentiell, diesen Verein dieses Jahr vor der Auflösung zu bewahren. Ich bin Ihnen, Herr Böhr, sehr dankbar, dass Sie ein weiteres Mal den Vorsitz übernommen haben, damit der älteste Olchinger Verein weiterhin Bestand hat.

 

Die Tatsache, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt, führt leider dazu, dass der Schrecken dieser Gräueltaten in Vergessenheit gerät und infolgedessen eine Verharmlosung von kriegerischen Auseinandersetzungen einsetzt. Auch in der politischen Debatte muss ich leider feststellen, dass es zunehmend keine Grenzen mehr gibt, keine Scham mehr existiert. Die Welt war vermutlich schon immer zu komplex für einfache Antworten, heute ist sie es in jedem Fall.

 

Daher dürfen wir nicht auf vermeintlich einfache Antworten vertrauen, die uns manche Parteien anbieten.

 

Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass sich die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkrieges nicht wiederholen, dass unsere Demokratie gewahrt bleibt und dass wir uns persönlich, aber auch unsere Gesellschaft sich menschlich gegenüber unseren Mitmenschen verhält, unabhängig davon welche Hautfarbe sie haben, welcher Religion sie angehören oder woher sie stammen.

 

Weil unsere Gesellschaft zu komplex für einfache Antworten ist, ist es auch so wichtig, Gedenktage wie diesen in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Die Menschen verlieren zunehmend das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Gedenktage. Insbesondere auch junge Menschen sollten vermehrt daran teilnehmen, um die Auswirkungen von Krieg, Vertreibung und Flucht besser begreifen zu können. Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir ein solches Gedenken auch zu unseren jungen Menschen bringen.

 

Zu guter zuletzt wollen wir wie jedes Jahr der lokalen Kriegsereignisse der Vergangenheit gedenken. Am 22. Februar wird sich der Bombenangriff der Alliierten auf Olching wieder jähren. 22 Menschen ließen damals ihr Leben, darunter auch zwei von den ca. 1.000 in und um Olching beschäftigten Zwangsarbeitern. An dem Ort, an dem wir heute stehen, brach der Krieg direkt in das Leben der Menschen in unserer Stadt ein. Diese Olchinger, wie auch alle anderen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Gewalt, Krieg und Terror zum Opfer gefallen sind, ehren wir heute mit unserem Andenken. Wir werden sie nicht vergessen!

 

Wir denken heute an alle deutschen Soldaten im Auslandseinsatz und ihren persönlichen, teils lebensgefährlichen Einsatz für unser Land.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Insofern sind wir alle aufgefordert unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlichen Weltanschauungen entscheidend. Im Kleinen wie im Großen.

 

Das wollen wir uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen.

 

In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.

 

Danksagung

 

Ich danke Ihnen für Ihr aktives Mitwirken. Ich danke allen, die am heutigen Tag dieser Zeremonie beigewohnt haben – ein besonderer Dank unseren Fahnenabordnungen für die Teilnahme und natürlich auch, dass unsere Freunde aus Tirol am heutigen Tage wieder bei uns sind - und erkläre die Feierstunde für beendet.

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