Rede des Erster Bürgermeisters Andreas Magg zum Volkstrauertag, 13. November 2016, am Kriegerdenkmal Olching

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr verehrter Herr Pfarrer Steindlmüller,

sehr verehrter Herr Pfarrer Sauer,

Herr Arndt,

Herr Wacker,

verehrte Mitglieder des Stadtrats,

liebe Freunde aus Tirol,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“, Albert Schweitzer, Friedensnobelpreisträger.

Immer zwei Sonntage vor dem Ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt, deren wir gedenken wollen. Zugleich ist er ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir – ganz persönlich, aber auch als reiches Land in einem freien und friedlichen Europa - für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können. Aus diesem Grund haben wir uns heute hier am Kriegerdenkmal eingefunden. Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind.

Dieses Jahr hat uns gezeigt, dass Angst und Terror auch in unserem vergleichsweise sicheren Land und unserer weltoffenen Stadt nicht weit weg sein müssen. Am 22. Juli tötete ein 18jähriger Schüler im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und verletzte vier weitere schwer. Mittels eines gefälschten Facebook-Accounts hatte der Täter im Vorfeld versucht vor allem ausländische Kinder und Jugendliche an den späteren Tatort zu locken.

Die unmittelbaren Reaktionen der Menschen auf die Warnungen der Polizei zeigten, dass wir alle durch die täglichen Schreckensnachrichten in den Medien geprägt sind. An zahlreichen Plätzen im Münchener Stadtgebiet entstanden Paniken. Fliehende Menschen verletzten sich und verursachten Sachschäden. 64 fälschlich gemeldete Schießereien sowie Hinweise auf zwei angebliche Entführungen beschäftigten fortan die Polizei. Die ganze Nacht lang waren sämtliche öffentliche Verkehrsmittel außer Kraft gesetzt. Auch wenn es sich zum Glück nur um einen Einzeltäter handelte, hat das Ereignis die Menschen verunsichert. Wir fühlen uns nicht mehr so sicher und fürchten mehr denn je, dass sich solche Tragödien wiederholen könnten.

Eine Woche lang trauerten damals nicht nur München und die gesamte Bundesrepublik, sondern auch Nachbarländer wie beispielsweise Frankreich. In Paris leuchtete der Eiffelturm in den Deutschen Nationalfarben.

Auch den Opfern dieses Anschlags und deren Angehörigen wollen wir heute gedenken.

Ein weiteres Beispiel, wie gefährlich selbst Einzelpersonen für eine Demokratie sein können, ist der Angriff eines Reichsbürgers auf mehrere Polizisten. Die sogenannten Reichsbürger entstanden zwar schon in den 1980er Jahren, treten aber seit 2010 verstärkt in Erscheinung. Zu Ihrer Ideologie gehören die Ablehnung der Demokratie sowie die Leugnung des Holocausts. Sie behaupten, das Deutsche Reich bestehe fort, somit seien Gesetze, Gerichte und nicht zuletzt erhobene Steuern der Bundesrepublik unrechtmäßig. Ginge es nach ihnen würde das Grundgesetz abgelöst. Mir persönlich ist es völlig unverständlich, dass nach all der Zeit und all den offensichtlichen Beweisen Individuen immer noch die schrecklichen Vorfälle des Zweiten Weltkriegs leugnen können. Dies ist ein Affront gegenüber den damaligen Opfern und ihren Nachfahren, der keinesfalls toleriert werden darf.

Der kürzliche Vorfall aus Mittelfranken, bei dem ein Reichsbürger auf mehrere Polizisten schoss, ist mir noch lebhaft im Gedächtnis. Es ist erschreckend wie leichtfertig zum Teil mit Menschenleben umgegangen wird, wie gering die Hemmungen sind Waffen gegen andere Menschen einzusetzen.

Politisch motivierte Gewalt ist seit den 1970er Jahren in Deutschland zum Glück kaum noch präsent. Dass sich dies schnell und eindrücklich ändern kann und in vielen Teilen der Welt leider auch ein fester Bestandteil des Alltags ist, erfahren wir täglich aus den Nachrichten.

Ich bin der Überzeugung, dass es nur rechtens ist den Reichsbürgern, die unsere Gesetze nicht anerkennen, keine Waffen mehr zu erlauben und aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Damit diese Tragödie hoffentlich ein Einzelfall bleibt.

Dem Polizisten, der dieser grausamen Tat zum Opfer fiel, sowie seiner Familie möchten wir heute ebenfalls gedenken.

 

Eine weitere diesjährige Entwicklung, die ich mit Unbehagen betrachte, ist der Brexit. Auch wenn der Austritt des Vereinten Königreiches aus der Europäischen Union frühestens zum März 2019 wirksam wird, so ist dies schon jetzt eine eindeutige Positionierung gegen unsere Wertegemeinschaft. Ein durchaus alarmierendes Szenario ist, dass weitere Länder dem vermeintlichen Vorbild des Vereinten Königsreichs folgen, was de facto das Ende der EU bedeuten könnte. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen. Wir müssen uns für den europäischen Gedanken einsetzen, der uns immerhin die vergangenen 70 Jahre Frieden beschert hat. Die Europäische Union ist natürlich kein Garant für ein konfliktfreies Miteinander, nichtsdestotrotz ist ein Zusammenstehen heute vielleicht wieder wichtiger denn je.

Die Europäische Union bildet den institutionellen Rahmen für ein friedliches Europa. In Anerkennung dessen wurde der EU und ihren Bürgerinnen und Bürgern 2012 der Friedensnobelpreis für den “geleisteten Beitrag zu Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa” verliehen. Dieser Auszeichnung sollten wir alle stets versuchen gerecht zu werden.
Als Vermittler und Friedensstifter spielt die EU auch außerhalb Europas eine große Rolle bei der Lösung von Konflikten. Dies basiert natürlich auch auf dem Zusammenhalt, den die EU repräsentiert. Daher hoffe ich sehr, dass der Brexit hierauf keine Auswirkungen haben wird.

Nicht zuletzt schützt die Europäische Union unsere Demokratie. Unter dem Motto “In Vielfalt geeint” hat sich die Zahl der Mitgliedstaaten stetig vergrößert. Länder, die EU-Mitglied werden wollen, müssen demokratische Standards einhalten, somit übt die EU einen starken Anreiz für Reformprozesse aus. Dies führt langfristig zu einer demokratischen Stabilisierung der europäischen Länder und beugt Kriegen vor.
„Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen. Dort kann man sehen, wozu das Nicht-Europa, das Gegeneinander der Völker, das nicht miteinander Wollen und Können führen muss.“ Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker.

Auch die kontinuierlichen Entwicklungen in der Türkei geben Anlass zur Sorge. Das ehemalige Vorstandsmitglied von Daimler-Benz, Edzard Reuter, bemerkte zurecht: „Die Entwicklungen in der Türkei erinnern mich an 1933.“

 

Zu guter zuletzt wollen wir wie jedes Jahr der lokalen Kriegsereignisse der Vergangenheit gedenken. Am 22. Februar wird sich der Bombenangriff der Alliierten auf Olching wieder jähren. 22 Menschen ließen damals ihr Leben, darunter auch zwei von den ca. 1.000 in und um Olching beschäftigten Zwangsarbeitern. An dem Ort, an dem wir heute stehen, brach der Krieg direkt in das Leben der Menschen in unserer Stadt ein. Diese Olchinger, wie auch alle anderen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Gewalt, Krieg und Terror zum Opfer gefallen sind, ehren wir heute mit unserem Andenken. Wir werden sie nicht vergessen!

Wir denken heute an alle deutschen Soldaten im Auslandseinsatz und ihren persönlichen, teils lebensgefährlichen Einsatz für unser Land.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Insofern sind wir alle aufgefordert unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlichen Weltanschauungen entscheidend. Im Kleinen wie im Großen.

Das wollen wir uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen.

In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.

 

Danksagung

Ich danke Ihnen für Ihr aktives Mitwirken. Ich danke allen, die am heutigen Tag dieser Zeremonie beigewohnt haben – ein besonderer Dank unseren Fahnenabordnungen für die Teilnahme und natürlich auch, dass unsere Freunde aus Tirol am heutigen Tage wieder bei uns sind - und erkläre die Feierstunde für beendet.

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